Wachstum und Arbeitsplätze durch Nachhaltigkeit?

Beitrag des SERI - Sustainable Europe Research Institute

Klimaschutz gegen Arbeitsplätze - immer wieder enden politische Debatten in dieser vermeintlichen Zwickmühle. Auch in den vergangenen Wahlkämpfen und im Zuge der aktuellen Regierungsbildung in Österreich zeigt sich, dass Klimaschutz im besten Fall eine untergeordnete Rolle spielt. Er wird kurzfristigen wirtschaftlichen Überlegungen und einer althergebrachten Erzählung der Schaffung von Arbeitsplätzen untergeordnet. Aber ist dieses Entweder-Oder möglicherweise ein Trugschluss, der den Blick auf Alternativen verstellt?

Umfassende Veränderungen - Einfluss der Menschen

Dass die menschlichen Gesellschaften mit ihren wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten immer mehr zu globalen Umweltveränderungen beitragen, ist heute weitgehend anerkannt. WissenschaftlerInnen sprechen vom Erreichen der „planetaren Grenzen“, Geologen benennen das aktuelle Erdzeitalter bereits nach dem Menschen als „Anthropozän“ jenes Erdzeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

Spätestens seit den Beschlüssen der Klimakonferenz in Paris, der globalen Nachhaltigkeitsziele der UNO (SDGs) und des „Circular Economy Package“ der EU ist klar, dass Maßnahmen für eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs und der Treibhausgasemissionen nicht nur von Umweltschützern, sondern auch von der globalen Staatengemeinschaft gefordert werden. Nun geht es darum, wirtschaftliche Prosperität und Wettbewerbsfähigkeit mit dem Ziel zu vereinbaren, weitere Umweltkatastrophen zu verhindern. Denn: die globalen Umweltbedingungen werden sich verändern, und diese Veränderungen werden umfassend und vielfältig spürbar sein im Alltag ebenso spürbar (Temperaturschwankungen, Unwetter, Veränderung der Fauna und Flora, etc.) wie spezifich für Unternehmen (Rohstoffpreise, Versicherungsfälle, Versorgungssicherheit, etc.).

Den Blick nicht auf die Herausforderungen zu richten schützt nicht davor, sich mit diesen auseinandersetzen zu müssen. Entscheidend ist, wie Österreich und Europa mit den Herausforderungen umgeht. Zwei Wege stehen zur Wahl: trotz Untätigkeit irgendwann zum Handeln gezwungen zu sein, um die Schäden zu begrenzen, wahrscheinlich zu horrenden Kosten und mit mäßigem Erfolg  oder aber einen gestaltenden Umgang zu wählen, der früh ansetzt und Chancen eröffnet.

POLFREE – Policy options for a resource-efficient economy

SERI, das Sustainable Europe Research Institut, hat 2012 bis 2016 als Teil eines europäischen Konsortiums gemeinsam mit WissenschaftlerInnen mehrerer renommierter Universitäten und Institute untersucht, wie sich volkswirtschaftliche Größen und Umweltindikatoren zueinander verhalten, und welche Wirkungen sich in den einzelnen EU-Mitgliedsländern daraus ergeben würden. Im Zentrum stand die Frage, wie sich Beschäftigung, Wirtschaftswachstum, Wertschöpfung u.a. in einzelnen Branchen und gleichzeitig CO2-Emissionen und Rohstoffproduktivität entwickeln, wenn die EU eine globale Vorreiterrolle im Klima- und Ressourcenschutz einnehmen würde.

Im „POLFREE“-Projekt wurden anhand dieser Frage in einem umfassenden Prozess, aufbauend auf Visionen und unter Einbindung einer Reihe von Stakeholdern, Szenarien für die nachhaltige Entwicklung Europas bis 2050 erarbeitet und berechnet. Die Modellierungen (durchgeführt anhand des Wirtschaftsmodells GINFORS) umfassen eine ganze Reihe von klimapolitischen Maßnahmen (z.B. forcierter Ausbau erneuerbarer Energien, Reform des Emissionshandels der EU, Förderung von E-Mobilität) und fokussieren auf vier zentrale ökologische Nachhaltigkeitsparameter: den Verbrauch von Ressourcen, Wasser und Fläche sowie den CO2-Ausstoß. Sämtliche Szenarien (wie „Global Cooperation“ oder „EU Goes Ahead“) wurden dem Referenzszenario (“Business as usual” - also einem Weitermachen wie bisher) gegenübergestellt. Die wenig überraschende Einsicht: Klimaschutz und eine prosperierende Wirtschaftsentwicklung schließen sich nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil. Im Unterschied zum Business-as-Usual Szenario leuchten die drei Szenarien idealtypische Entwicklungen aus und zeigen die Spielräume Zukunftsraum aus. Sie sind als Positivszenarien zu begreifen, die Möglichkeitenräume aufzeigen. Da es idealtypische Szenarien sind, steht fest: Die Zukunft wird anders verlaufen. Eines der wichtigsten Ergebnisse von POLFREE ist hier, aufzuzeigen, wie die Zukunft verlaufen könnte.

Business as Usual

Im Referenzszenario (Business-as-Usual) spitzen sich die drastischen Problemstellungen, die uns bereits wohlbekannt sind, weiter zu. Die zu erwartenden Temperaturanstiege sind in jeder Hinsicht alarmierend (1). Die Preise für fossile Energieträger und Erze steigen bis 2050 deutlich an. In den Schwellenländern essen die Menschen mehr Milchprodukte, Fleisch und Fisch – wodurch sich die Nachfrage nach Futter für Nutztiere weiter erhöht. Zugleich wächst die Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,5 Mrd Menschen. Da die Agrarflächen begrenzt sind, kommt es zu einem extremen Anstieg der Nahrungsmittelpreise. Darunter leidet insbesondere der Teil der Bevölkerung, der wenig hat: nicht nur in den Entwicklungs- und Schwellenländern, sondern auch in den Industrienationen. In der Folge bleibt vom Haushaltseinkommen immer weniger übrig, die Nachfrage nach anderen Produkten sinkt. Das schlägt sich in fallenden Wachstumsraten nieder, in Österreich, in der EU, und weltweit.

Alternative Szenarien eröffnen Chancen

Der günstigste Fall ist der einer internationalen Kooperation (Szenario 1: Global Cooperation): Die anspruchsvollen Umweltziele werden in der EU wie auch global erreicht. Einkommen und Beschäftigung liegen in den meisten Ländern deutlich über denen eines Business-as-Usual.

Wagt die EU hingegen einen umweltpolitischen Alleingang, kann sie mit einer mutigen Politik (Szenario 2: EU Goes Ahead) einen Vorteil (first mover advantage) gegenüber dem Rest der Welt erzielen. Es kommt zu hohen Einkommens- und Beschäftigungsgewinnen. Ein Alleingang kann die globalen Umweltprobleme nicht lösen, sondern allenfalls entschärfen. Allerdings könnte die EU zum Vorbild (front runner) werden. Ihre ökonomischen Erfolge könnten die anderen Länder – insbesondere die wichtigen Schwellen- und Entwicklungsländer – veranlassen, Europa auf dem eingeschlagenen Weg zu folgen. Das verdeutlicht aber auch die Gefahr, wirtschaftlich zurück zu fallen, wenn andere Regionen hier voran gehen.

Im Fall einer alternativen Bottom-Up-Politik (Szenario 3: Civil Society Leads) ergeben sich leichte Einkommensverluste gegenüber einem Business-as-Usual. Auf der Positiv-Seite stehen eine sehr hohe Zahl an neuen Jobs sowie Freizeitgewinne und Zeit für soziales Engagement. In beiden Fällen (Szenario 2 und 3) werden die Umweltziele für Europa erreicht.

Eine selbst gewählte positive Zukunft ist möglich

Die zentrale Aussage von POLFREE lautet: Eine umweltverträgliche wirtschaftliche Entwicklung ist möglich, die zugleich mit neuen Jobs verbunden ist; außerdem eröffnen sich Spielräume für sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit. Aber erst eine proaktive Politik macht wirtschaftliche und soziale Innovationen möglich, sowohl in der Produktion als auch im Konsum. Umgekehrt gilt: Lässt man die Dinge laufen, münden ökologische Knappheiten unweigerlich in einer Negativspirale für Europa und die Welt. Die POLFREE Szenarien sind konsistent und belastbar, und die Wege der Szenarien sind gangbar. POLFREE belegt, dass umweltpolitische Untätigkeit erhebliche ökonomische Risiken mit sich bringt: Der Klimawandel gerät außer Kontrolle, die Nahrungsmittelpreise steigen, die Wirtschaft verlangsamt sich weiter und die Arbeitslosigkeit nimmt zu.

Europa könnte aber auch den Schritt hin zu Alternativen wagen und zum globalen Wegbereiter werden – und würde davon profitieren. Eine selbst gewählte positive Zukunft ist möglich. Das zu wissen bedeutet sehr viel.

 

SERI, das Sustainable Europe Research Institut, ist seit fast 20 Jahren eines der europaweit führenden Institute im Bereich Nachhaltigkeitsforschung, -beratung und -kommunikation. SERI arbeitet mit Partnern aus ganz Europa in Forschungs- und Entwicklungsvorhaben zusammen, beraten Wirtschaft, Politik, Medien und Organisationen zu Fragen der Nachhaltigkeit. Vision des SERI ist es, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Lebensqualität zu verbinden und zu zeigen, welche Herausforderungen und Möglichkeiten sich daraus für Unternehmen und Regionen in Europa und anderswo ergeben.

Zur Website

 

Mehr über POLFREE erfahren:

Briefing Papier über die Ergebnisse für Österreich

POLFREE-Infoseite

 


Sie lasen einen Blogbeitrag einer Mitgliedsorganisationen von SDG Watch Austria. Die darin enthaltenen Meinungen sind keine Positionen von SDG Watch Austria oder von ÖKOBÜRO als Medieninhaber.

 

Veranstaltungshinweis:

Am 27. Mai findet eine Online-Konferenz zum Thema
"Die Agenda 2030 als Kompass aus der COVID-19-Krise: Warum die Gesundheitskrise eine neue Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialpolitik fordert" statt.
Mehr Informationen  hier auf unserer Website.

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